Lidl Deutschland Tour 2027 in Bautzen: Große Bühne oder falscher Fokus?

BBBz-Stadtrat Jörg Drews hat sich intensiv mit der Debatte rund um die Lidl Deutschland Tour beschäftigt, die für Bautzen angedacht ist: Die Lidl Deutschland Tour ist das bedeutendste mehrtägige Straßenradrennen Deutschlands. Jährlich führt sie internationale Profiteams durch wechselnde Regionen. Für Gastgeberstädte verspricht die Tour Aufmerksamkeit, starke Bilder und die Chance, sich bundesweit als sport- und tourismusaffiner Standort zu präsentieren. Auch Bautzen steht nun vor der Frage, ob und in welcher Form die Stadt 2027 Teil der Tour werden soll. Im Raum steht die Rolle als Etappenort – verbunden mit einem finanziellen Engagement der Stadt von bis zu 430.000 Euro.

Doch bei aller Strahlkraft eines solchen Events lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Es bleibt zunächst festzuhalten: Es handelt sich um ein zeitlich stark begrenztes Ereignis.

Dem gegenüber steht ein finanzieller Rahmen von bis zu 430.000 Euro, der aus städtischen Mitteln aufgebracht werden soll. Weitere oder andere Fördermittel können voraussichtlich nicht akquiriert werden. Gerade bei einer solchen Größenordnung ist es legitim zu fragen, welche konkrete und nachhaltige Wirkung dieser Einsatz tatsächlich entfaltet. Aus meiner Sicht braucht es hier zwingend Kostentransparenz seitens des Veranstalters.

Terminliche Rahmenbedingungen – Schuleingang und Hochsaison

Der avisierte Zeitraum der Lidl Deutschland Tour fällt zeitgleich mit dem Schuleingang in Sachsen. Dieses Wochenende ist für viele Familien langfristig verplant.

Damit handelt es sich um ein ohnehin hoch ausgelastetes Wochenende für Hotellerie und Gastronomie. Zusätzliche Übernachtungseffekte sind daher nur eingeschränkt realistisch.

Lachs und Kaviar – aber wo bleibt das tägliche Brot?

Während für ein einzelnes Großevent erhebliche Mittel mobilisiert werden sollen, kämpfen viele lokale Sport- und Kulturveranstaltungen seit Jahren ums Überleben.

Der Stadtlauf, der Firmenlauf oder auch kulturelle Formate wie die Romantica ächzen unter steigenden Auflagen, hohen Sicherheitsanforderungen und schwindendem ehrenamtlichem Engagement. Straßensperrungen sind dabei regelmäßig ein zentrales Problem – schwer umsetzbar, kostenintensiv und oft nur mit großem organisatorischem Aufwand realisierbar.

Warum soll das, was bei eigenen Veranstaltungen kaum leistbar erscheint, nun bei einem externen Großevent plötzlich problemlos möglich sein?

Das lässt sich kaum anders beschreiben als so: Wir gönnen uns einmalig Lachs und Kaviar – vergessen dabei aber das tägliche Butter- und Brotgeschäft.

Fehlender Bezug zum lokalen Vereinssport

Besorgniserregend ist zudem der Eindruck, dass der direkte Bezug zum lokalen Vereinssport in Teilen der politischen Diskussion verloren gegangen ist. Als sich drei Vereine zur Initiative Sportstadt Bautzen zusammengeschlossen und die Stadtratsfraktionen zu Gesprächen eingeladen hatten, waren nicht einmal alle Fraktionen vertreten – exemplarisch sei hier die SNB-Fraktion genannt.

Gleichzeitig wird nun eine Förderung in erheblicher Höhe für ein extern organisiertes Event diskutiert. Für viele Ehrenamtliche, die sich täglich für Kinder, Jugendliche und Erwachsene engagieren, ist diese Diskrepanz schwer nachvollziehbar.

Besonders deutlich wird diese Schieflage beim Blick auf die städtische Sportförderung: Erst vor Kurzem wurde diese für alle Sportvereine gemeinsam von 60.000 Euro auf 90.000 Euro erhöht – verbunden mit einer intensiven politischen Debatte über die Notwendigkeit.

Vor diesem Hintergrund wirkt die Bereitschaft, für ein einmaliges Event ein Vielfaches dieser Summe bereitzustellen, zumindest erklärungsbedürftig. Hier geraten Maßstäbe ins Wanken.

Ein starkes Bild – mit Fragezeichen

Unbestritten: Ein möglicher Zieleinlauf über die Friedensbrücke mit der Altstadtkulisse wäre ein starkes, identitätsstiftendes Bild für Bautzen. Gleichzeitig steht jedoch im Raum, dass die Friedensbrücke genau in diesem Zeitraum von Baumaßnahmen betroffen sein könnte.

Einmaliges Event versus dauerhafte Wirkung – ein unternehmerischer Blick

Mein Unternehmen, die Hentschke Bau GmbH, unterstützt den Sport in Bautzen und darüber hinaus seit vielen Jahren konsequent, substanziell und langfristig. Dieses Engagement erfolgt nicht punktuell, sondern strukturell.

Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass in sozialen Medien bereits Forderungen laut wurden, Hentschke solle sich auch an der Finanzierung der Lidl Deutschland Tour beteiligen. Hier muss klar gesagt werden: Auch Unternehmen müssen das Geld erst verdienen, das sie ausgeben.

Ein einmaliges Event erzeugt – selbst bei guter medialer Begleitung – allenfalls kurzfristige Effekte. Sportvereine hingegen leisten dauerhafte Arbeit für die Stadtgesellschaft. Sie sind sozialer Kitt, Integrationsmotor, Gesundheitsförderer und ein unverzichtbarer Bestandteil des Gemeinwesens.

Sponsoring ist kein Selbstläufer – sondern ein Nullsummenspiel

Sponsoringbudgets sind endlich. Wenn regionale Unternehmen als Sponsoren für ein Großevent gewonnen werden, steht dieses Geld anderen Vereinen nicht mehr zur Verfügung.

Aus eigener Erfahrung – unter anderem aus der Zeit als Präsident von Budissa – weiß ich, wie schwierig es ist, Sponsoren für das laufende Vereinsgeschäft zu gewinnen. Jeder Euro wird mehrfach umgedreht. Wenn nun ein Event mit großer Strahlkraft dieselben Sponsoren bindet, entzieht man dem Ehrenamt die wirtschaftliche Grundlage. Wir nehmen damit jenen die Luft zum Atmen, die unsere Stadt tagtäglich tragen.

Keine Fundamentalkritik – sondern ein Appell zur Balance

Diese Einwände richten sich nicht grundsätzlich gegen die Lidl Deutschland Tour oder gegen überregionales Marketing. Sie sind ein Appell zu Verhältnismäßigkeit, Prioritätensetzung und Respekt vor der Basis. Wer das Fundament aus Vereinen, Ehrenamt und lokaler Kultur schwächt, kann auf Dauer auch keine Leuchttürme tragen.

Wie sehen Sie das?

Ist ein hoher sechsstelliger Betrag für eine einmalige Etappenstation oder einen möglichen Tageszieleinlauf gut investiertes Geld – oder sollten wir zunächst das stärken, was unsere Stadt dauerhaft zusammenhält?

Schreiben Sie uns Ihre Meinung über das Kontaktformular oder per E-Mail. Ihre Einschätzungen nehmen wir gern in unsere politische Arbeit mit auf.